Im Frühjahr 2013 begaben sich Vroni und Wolfgang auf eine 3-tägige Reise mit einem ungewöhnlichen Ziel: Vergangenheit. Die Idee zu dem Ausflug hat der internet- und komfortverwöhnten 14 jährigen erst mal etwas den Schauer über den Rücken getrieben und so ein Leben ganz ohne digitale Kommunikation konnte sie sich im ersten Moment nicht recht vorstellen.

Doch sollten die Tage nicht alleine durch Handyverzicht auf "alt" getrimmt werden. Das Ganze beginnt schon mit der Auswahl des Fahrzeugs. An Stelle eines VW Golf PLUS 1.9tdi, einem in unseren Breiten beliebten aktuellen Mittelklassewagen deutscher Produktion, rückt ein Volkswagen Käfer 1302 von 1971.


Schlüssel ins Türschloß, herumgedreht, der Türknopf links geht hoch. Keine Fernbedienung, keine Zentralverriegelung. Fernentriegelung Kofferraum? Gibt es! mechanisch und im Handschuhfach.

Das Armaturenbrett des Käfer wird von einem zentralen Rundinstrument beherrscht. Wenn man dem Zeiger glauben darf, ist hier ein maximales Tempo von 140 km/h möglich. 3 kleine Lämpchen warnen ggf. vor zu geringem Öldruck, fehlerhaftem Ladestrom und aktiviertem Fernlicht. Eine Tankuhr rundet das Instrument unten ab und somit ist das Informationsbedürfis auch schon gestillt. Im direkten Zugriff des Wagenlenkers befindet sich neben dem großen Lenkradkranz aus glattem Konststoff mit formschönem Alubügel zur Betätigung der Hupe, auch noch ein paar Schalter und Knöpfe, deren Funktion sich durch Symbole erklärt. Scheibenwischer, Licht mit Abblend- und Fernlicht Umschaltung und roter Warnblinkschalter sind eindeutig definiert. Die Drehknöpfe unter dem Radio und 2 Hebel neben dem zentral zwischen den Sitzen angeordneten Festsstellbremse sollen, Gerüchten zu Folge, eine Ein- und Verstellung der Heizung und Lüftung ermöglichen. Die Funktionen erklären sich nicht so einfach, doch werden wir das auch noch heraus finden.

Hier ist nichts digital, es gibt keine Tasten, keine Displays, keine Multifunktionsdingenskirchens. Hier ist alles ehrlich, real und jeweils zielorientiert mit einer Funktion belegt. Das Handschuhfach öffnet ungedämpft, der Radio ist einfach Radio. Nix Dolbysurround, kein MP3, AUX IN? Fehlanzeige. "Stehwellengerät" nannten man das in den 70ern und die beiden Gummiknöpfe lassen links die Lautstärke- und rechts den Senderstellung zu. Die Tasten L-M-K-U-U erlaubten neben den Ultrakurzwellensendern (UKW) auch den Empfang von Lang- Mittel- und Kurzwellensignalen.

Scheibe auf und los. Fensterheber? Na logo! aber Kurbel, nix Knöpfchen. "Mechanischer Kurbeltrieb Scheibenheber" nannte man das und im Vergleich zu Klappfenstern wie in der 2CV oder Einsteckscheiben wie bei so manchem Engländer vergangener Tage, ist diese Version als "Stand der Technik" der damaligen Zeit einzuordnen.

Zündschlüssel rumgedreht und der luftgekühlte Vierzylinder knattert in seinem Klangbild, das wohl annähernd jeder Erdenbürger, der sich jemals auch nur am Rande mit Automobilen beschäftigt hat, als eindeutiges Käfergeräusch identifizieren kann. Der Motor ist luftgekühlt und zu dessen Entstehungszeit hat sich noch niemand mit Sounddesign und Emissionsbelastungen beschäftigt. Das Design der Abgasanlage folgte der Funktion und die Funktion war mit Schalldämmung und Ausleitung de Abgase auch schon erfüllt. Keine Sensoren, Katalysatoren, Filter, Rückführungen oder Abgasnachbearbeitung. Eine vollständige Abgasanlage vom Motor bis zum Endrohr liegt bei einem durchschnittlichen Mittelklassewagen vom Preisniveau locker etwa auf Höhe des historischen Neupreises unseres Käfers. Der war seiner Zeit für 6980 Deutsche Mark zu bekommen.

Die Fahrt beginnt! Und gleich wird klar warum das Lenkrad so auffällig groß ist: Servolenkung Fehlanzeige. Hier gilt es die Muskelkraft direkt in eine Lenkbewegung zu verwandeln. Klimaanlage? Ausstellfenster!

Doch ist die Auswahl des Fahrzeugs nur der erste Schritt unserer kleinen Retrotour. Tag 1 unserer Reise führt uns nach Bad Tölz ins Alpamare, Erlebnisbad der ersten Stunde. Okay, Adresse ins Navi und los... hmmm... nix Navi... doch auf der Rückbank liegt ein Shell Atlas. Nicht ganz aktuell, doch ist Bad Tölz wohl immer noch da, wo es vor 20 Jahren war...


...hier ein paar Fotoabzüge der Tour nach Filmentwicklung...

 

 

Wieder zurück in der Gegenwart:

Lustig wars! Nachdem wir unseren 1993er Shell-Atlas, wegen des doch etwas groben Maßstabs und dem überholten Kartenmaterial noch gegen eine neue 1:200000 Straßenkarte "Bayern Süd" getauscht haben, wurden damit die Ziele an den Tagen sicher erreicht. Der Käfer hat die knapp 600 Kilometer über bayrische und österreichische Land-, Neben-, Pass- und Bergstraßen klaglos hinter sich gebracht und letztendlich nicht nur bei uns, sondern auch bei vielen Leuten am Wegesrand ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Bilder der Reise gibt es erst zu sehen, wenn die Filme entwickelt sind... somit bleibt es noch etwas spannend und wir freuen uns auf die Abzüge.

Ach ja: Für 2014 gibt es auch schon einen Plan, wir haben ja noch ein bisschen Alteisen in den Hallen stehen. Die Einen gehen ins Kloster, die Anderen in die Wüste, wir besinnen uns eben auf unsere automobile Art und Weise.

 

Erkenntnis:

Es tut gut zu erkennen, dass man auch ohne all die ja ach so Wichtigen und von den Medien und der Werbung als vermeintlich notwendigen technischen Gimmicks "überleben" kann und es ist herrlich etwas ohne Ablenkung und mit voller Konzentration auf das erwünschte Ziel erleben zu können. Wir werden auch in Zukunft wieder Handy und Internet mit Facebook, mails und SMSen zur Kommunikation nutzen, doch wohl etwas gezielter, etwas dosierter und wir werden uns auch ab und an eine analoge Auszeit nehmen um unsere Konzentration auf das aktuelle Ziel zu richten. Dieses aktuelle Ziel kann eine Aufgabe, eine Information oder auch der Mensch gegenüber sein...

 

damals                                heute

Seitenblicke

 

Frontansichten

 

Arbeitsplatz

 

"Multi"-media

 

Erleuchtung

 

Schaltschema

 

Schlüsselerlebnisse

 

Scheibenheber

 

Pfadfinder

 

...

 

Datenträger

 

Sound

 

Games

 

Sucherkamera

 

Spiegelreflex

 

Bildträger

 

Wissenschaft...