Mittwoch den 13.05.


Der nächste Morgen startete wie gewohnt mit einem kräftigen Frühstück und einem kurzen Plausch mit Ling, einer freundlichen chinesischen Mitarbeiterin der Hotell Linden. Ihre höflich zurückhaltende asiatische Umgangsform verbot ihr wohl uns direkt auf unsere Reise anzusprechen, doch als Wolfgang sie nach ihrer Herkunft fragte und im Gespräch dann China als möglicher Teil der Reise erwähnt wurde, war ihre Begeisterung nicht mehr zu verbergen.


Doch da wir, wie jeden Tag, einen straffen Plan auf der Tafel hatten, hieß es nun NIX WIE RAUS aus Östersund und auf in Richtung nächstes Ziel: LAPPLAND!


Die Fahrt ging über Stunden durch nicht enden wollende Wälder, die nur gelegentlich bei kleinen Ansammlungen von wenigen Häusern etwas lichter wurde. Wobei die Bezeichnung „Wälder“ es nicht ganz trifft. Es handelt sich eher nur um einen Wald, doch ist der eben ziemlich groß.


Die zulässige Höchstgeschwindigkeit liegt auf diesen Strecken immer zw. 80 und 100km/h und die Fahrbahnbeschaffenheit lässt auch kaum mehr an Tempo zu. Auf dieser Strecke hatten wir auch die ersten direkten Kontakte zu echten Urbewohnern dieses Landes, den Rentieren. Auch ein Grund das Speed Limit einzuhalten, denn plötzlich steht man hier irgendwo im schwedischen Nirgendwo (…) einer ganzen Truppe des für uns Deutsche optisch dem heimischen Hirsch und Reh ähnelnden  gemütlich am Wegesrand trottenden Ren gegenüber. Aus den Lautsprechern unserer Funkgeräte war immer wieder Dagmars Stimme mit der klaren Botschaft: „ich will Elche“ zu vernehmen, doch blieb uns eine solche Begegnung bislang vorenthalten.


Auf diesen Strecken, den sog. „Inlandsvägen“, kamen wir auch ab und an durch etwas größere, dorfartige Ansiedlungen und in einem dieser Dörfer nutzten wir die Gunst der Stunde um an der dortigen Tankstelle unsere Kraftstoffvorräte aufzufüllen. Die Tanks der Delos fassen pro Fahrzeug insgesamt 170 Liter und der G kommt auf etwa 280 Liter Tankvolumen. Auch wenn wir nicht ganz leer waren, gestaltete sich der Tankstop doch als etwas mühsam, da der ausschließlich direkt an der Zapfsäule per Kreditkarte erhältliche Sprit grundsätzlich auf den Gegenwert von 400 schwedischen Kronen und somit etwa 35 Liter pro Tankvorgang beschränkt ist. Das bedeutete für die Delos und den G insgesamt 19 abgeschlossene Tankvorgänge mit 19 mal PIN Code, 19 mal Pistole raus Pistole rein und 19 mal Quittungsdruck. Andere Länder andere Sitten. Diese Form des Tankens stellt in Schweden auch den Standard dar, ganz entgegen dem deutschen Schema, bei dem der Verkauf von Kraftstoff nur noch eine ertragsarme Nebensache zum ertragreichen Absatz von Schokoriegeln, Erfrischungen und Backwaren darstellt. An dieser Stelle machten wir auch den ersten Verbrauchscheck und die Delos begnügten sich alle drei gleichmäßig mit etwas unter 10 Litern auf 100km und der G nahm sich etwa 18 Liter, was in Anbetracht der Fahrzyklen als normale Verbrauchswerte anzusehen sind.


Das auch Andere diese Gegenden und Strecken für Tests an Fahrzeugen zu nutzen wissen, war an diversen manchmal mehr, manchmal weniger getarnten Versuchsfahrzeugen großer deutscher Automobilhersteller nebst Begleitteams  unschwer zu erkennen. Besonders in der Region um Arjeplog, wo mehrere Teststrecken und Versuchszentren namhaften Herstellern aus der ganzen Welt in aller Abgeschiedenheit eine Vielzahl von Testmöglichkeiten bieten, begegneten uns u.a. die neuesten, bzw. nächsten Modelle von Audi und VW die hier ihre Runden drehten.  Dagmar war das egal, sie wollte nur eines: Elche.


Weiter ging die Fahrt durch Lappland, das Land der Samen, dass zwar keine eigene Rechtsstaatlichkeit besitzt, dessen Fahne jedoch von den Ureinwohnern voller Nationalbewusstsein und Stolz auf ihre historische Provinz Lappland, geschwenkt wird. Auch unser Hotel am heutigen Tagesziel in Arvidsjaur trägt den Geist Lapplands im Namen „Hotell Laponia“. Bereits bei Ankunft kam das Gespräch an der Rezeption auf Dagmars aktuelles Lieblingsthema: Elche. Zu sehen gäbe es hier wohl keine, doch nur ein paar Hundert Meter die Straße hinunter gab es das „Afrodite“ und die würden einen ausgezeichnetes Elch servieren. Das in dieser nordisch indigenen Gegend mit seiner altgriechischen Zeus- und Götter Deko etwas unwirklich wirkende Lokal bot neben Gyros und Souvlaki auch Elch- und Rentierfleisch in unterschiedlichen Zubereitungsformen an und Andre und Jan wählten Elch,  Wolfgang Rentier, Klausi eine Elchfleischpizza (um immer schön international zu bleiben) und Dagmar, noch unentschlossen welches Tier ihr nun mehr zusagt, wählte Fleischspieße beider Gattungen. Der Elch erinnerte von seiner festen Konsistenz und einem intensiven Eigengeschmack mehr an Wildfleisch, das Rentier kam da deutlich milder und leichter daher. So fand auch dieser Tag einen kulinarisch spannenden und erfahrungsreichen Abschluss, wobei der Tag noch nicht ganz zu Ende war.


Bereits auf dem Weg zur Afrodite sind uns eigentümlich umgebaute Automobile aufgefallen, die von auffallend jungen Menschen in langsamer Geschwindigkeit die Hauptstraße von Arvidsjaur hinauf - und wieder hinunter gefahren sind. Auf dem Rückweg zum Hotel sahen wir drei der Fahrzeuge auf einem Parkplatz stehen und fragten die Jungs und Mädels nach der Geschichte hinter diesem für uns ungewohnten Phänomen.  Simon, einer aus der Crew erklärte uns: Das sind Traktoren der Klasse A. Damit darf man hier ab 15 mit einer entsprechenden Fahrerlaubnis fahren. Diese Traktoren werden wohl nie einem landwirtschaftlich unmittelbar sinnvollen Ziel dienen, doch entsprechen sie grundsätzlich allen geforderten Eigenschaften eines Traktors Klasse A. Eine Sitzreihe, definierte Ladefläche,  Anhängerzugvorrichtung und eine max. Höchstgeschwindigkeit von 33km/h. Das reicht hier schon um mit 15 Jahren Auto zu fahren und den Abend cruisend zu gestalten.


Und das mit dem „der Tag geht zu Ende“ ist für uns Mitteleuropäer auch erst einmal ungewohnt, denn der Tag geht hier oben irgendwie nicht so richtig zu Ende. Am Abend fällt hier nahe dem Polarkreis noch mehr wie schon am Vortag auf, dass die Dämmerung gar nicht zu Ende gehen möchte. Der offizielle Sonnenuntergang ist hier am heutigen Tag  um 22:06Uhr und  Sonnenaufgang morgen dann um 03:03 Uhr und auch diese schon sehr kurze Nacht wird von Tag zu Tag um weitere Minuten kürzer. Richtig stockfinster, wie wir es von zu Hause kennen,  ist es jedoch auch jetzt nicht und auch um Mitternacht, also zwei Stunden nach dem „offiziellen“ Sonnenuntergang, ist es draußen noch eher dämmrig wie dunkel.  Zusatzinfo: Die Nacht zum 21. Juni ist mit nur 50 Minuten Dauer im Übrigen die kürzeste in Arvidsjaur, danach werden die „Nächte“ wieder länger und die Tage entsprechend kürzer.